Esther Eugler
+++ “Die Kunst steckt in der Seele oder noch tiefer...” +++

Einige Eckpfeiler im Leben von Esther Eugler:
  • 1959 geboren in Uster bei Zürich
  • Übersiedelt 1974 nach Berlin
  • 1980 autodidaktischer Ursprung ihrer Künstlerlaufbahn
  • 1989 Studium an der Kunsthochschule Weißensee
  • 1994 Kunst-Preis, Rolf Benz
  • 1999 Kulturzentrum am Münster, Konstanz „Mensch, Gestein und Gewässer“
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Die chronologisch vollständige Vita können Sie gerne hier nachlesen (Vita).



Laudatio anläßlich der Vernissage
am 12.10.2002
Dr. Johann-Peter Regelmann, Konstanz

Esther Euglers Kunst erscheint auf den ersten Blick sehr klassisch. Mit der Zusammenstellung von Stillleben, Porträts, Landschaftsbildern, Akten und floral-anatomischen Studien bewegt sie sich ganz auf dem Terrain von historisch vermittelten künstlerischen Darstellungs- und Ausdrucksformen der bildenden Kunst, die unser abendländisches Kunstverständnis seit Jahrhunderten geprägt hat und das immer noch tut. In einigen ihrer Bilder drückt sich zudem ein expressionistischer Ansatz aus, mit erkennbaren Anklängen etwa an Max Beckmann, und zum Jugendstil (der Art Nouveau des Wende vom 19. zum 2. Jahrhundert). Auch die strikte Beibehaltung der Gegenständlichkeit ist – bei aller abstrahierenden Überformung – hierfür ein Beleg. Trotzdem repräsentiert Esther Eugler auch die ganz aktuelle moderne Kunst. Dies will ich zunächst herausarbeiten.

Die moderne Kunst hat nichts mit der aus der historischen Forschung und Klassifikation her bekannten sog. „Moderne“ zu tun. Diese Moderne hat ihre Urgründe in der Zeit der 1. industriellen Revolution, ihren Beginn setzt man oft mit dem Datum der französischen Revolution von 1789 gleich. Die kunsthistorische Moderne beginnt dagegen mehr als ein Jahrhundert später. Nun sollte man nicht sogleich an epochale Erscheinungen wie den Jugendstil oder die verschiedenen Sezessionen denken. Dies waren entweder gelungene Versuche, im Stilempfinden neue Wege zu bereiten oder akademische Streitereien um das, was als Kunst in einem klassischen Sinne verstanden werden dürfe und eventuell in Erweiterung dieses Sinnes Legitimität beanspruchen könne. Die Moderne hat vielmehr ganz direkt etwas mit einer abstrakten, wenigstens abstrahierenden Sicht- und Darstellungsweise zu tun. Und sie zeichnet sich durch die Einbeziehung von psychosozialen Problemen in ihre Sujets sowie von dem klassischen Kunstverständnis glatt widersprechenden Materialien aus.

Seit Marcel Duchamps sind sogenannte ready mades im Kunstgeschehen verankert. In seinem Sinne noch waren es z.B. industrielle Alltagsgegenstände – sein berühmtestes war ein Urinal – , die im Rahmen eines Arrangements zu Kunstwerken erklärt wurden. Nun, das ist eine eigene Geschichte. Aber sie verdeutlicht, dass moderne Künstler etwas besonderes dabei denken, wenn sie ihre Materialwahlen treffen. Wenn Arbeiten auf Papier nicht mehr auf feinstem Japanpapier oder Zeichenkarton, sondern auf Packpapier oder bedruckten Buchseiten angefertigt werden, so gehört dies zur ästhetisch-künstlerischen Komposition der Arbeit. Wenn Esther Eugler heute Arbeiten präsentiert, die auf alten Architekturplänen, auf den handschriftlich ausgefüllten Buchführungs-Journalblättern oder Stadtplänen angefertigt wurden, so ist dies ebenso Teil des kompositorischen Plans. Unter anderem versinnbildlicht diese Materialwahl die elementare Wahrheit, dass auch Kunst in einer geplanten, verwalteten, technisierten, sich lohnen müssenden Zivilisation entsteht und stattfindet. In einer solchen Welt oder Zivilisation gelten viele überkommene Normen oder Ideale, etwa die Norm der gesellschaftlichen Etikette oder das körperliche Ideal androgyner „Unisex“-Schlankheit. Unsere Sozialisationen finden in einer dichten Atmosphäre idolatrieverdächtiger Festschreibungen und Modismen statt. Dem geschichtsverbunden wie entwicklungsorientiert ästhetisch geschulten Auge und dem des welterfahrenen Menschen muss das böse aufstoßen. Und wer wäre damit besser gekennzeichnet als ein Künstler oder eine Künstlerin?

Und so verweist uns gerade das Triptychon der nackten Tanzenden um das Feuer darauf, das gewisse biologische wie soziale Phänomene nicht durch ästhetisierende Geschmäcklerei verdammt oder idealisiert werden dürfen – man sollte sie vielmehr als Tatsache akzeptieren. Die einem nicht unbedingt gefallen muss, die aber deshalb noch lange nicht ausgegrenzt werden darf.

Duchamps entwickelte jedoch noch eine weitere, sehr einflussreiche Theorie, die des nicht nur teilnehmenden, sondern aktiv gestaltenden Blicks des Betrachters, sozusagen die Theorie des impliziten Betrachters. Dieser Theorie nach ist ein Kunstwerk solange unvollständig, wie es nicht dem – kritischen – Blick eines Betrachters ausgesetzt ist. Das kann aber nichts anderes bedeuten, als dass erst der Betrachter ein Werk eines Künstlers zum Kunstwerk macht, indem er es als Kunst erklärt oder akzeptiert. Und genau dann spielen die verschiedenen Inhalte, dargestellten Gegenstände oder Sachverhalte oder die Materialwahl nur im Ensemble eine Rolle. Und zu diesem Ensemble gehört der Blick des Betrachters. Nun schauen Sie sich noch einmal die Zigarrenkisten im vorletzten Raum hinten links an. Sollten Sie enttäuscht darüber sein, dass darin keine Zigarren mehr sind, so verstehen Sie sogleich den Hinter-Sinn der Bilder, die in diese Schachteln gemalt sind. So wie in die Kiste eigentlich eine ordentliche, um nicht zu sagen: eine außerordentliche Zigarre gehört, so gehört zu den Bildern eigentlich ein ordentlicher Phallus ... Theoriebeladen, wie unsere Wahrnehmung nun einmal ist, erkennen wir sofort die eindeutig sexuelle Zuordnung zu allem Phallischen. In diesem Falle sogar dort, wo gar kein Phallus ist. Der Betrachter ist nicht dem Bild, ehe das Bild dem Betrachter ausgeliefert. So will es die Moderne und ihre heutige Repräsentation im erklärten Gegensatz zur Klassik.

Es gibt aber auch Kunstwerke, die sich vom Betrachter nie ganz erschließen lassen. Das sind solche u.a., die mit geschlossenen Räumen arbeiten und der interpretierenden Assoziation des Betrachters einen freien Spielraum lassen, in dem er sich ganz alleine und nur sich selbst verantwortlich bewegen muss. Esther Euglers Schachtelbilder sind solche Werke. Aus der Tafelbildtradition ausbrechend, treten sie unzweifelhaft in den Raum hinein. Also aus der Flächigkeit des Tafelbildes „Öl auf Leinwand“ heraus. Der Betrachter sieht aber nur die Außenflächen der Schachtel, und von deren vieren auch nur drei, die vierte wird wieder aktiv erschlossen. Was sich jedoch in dieser Schachtel eventuell befinden mag, das weiß niemand so genau. Etwa Geheimnisvolles, nicht offensichtlich zu Tage liegendes schwingt in solchen Kompositionen mit. Selbstverständlich lassen sich die spekulativen Gedankengänge der nun einsetzenden „inhaltlichen“ Interpretation von den Eindrücken leiten, die von der Betrachtung der bemalten Oberfläche herrühren. Aber Sicherheit gewinnt man dadurch keinesfalls. Und auch dies ist ein Kennzeichen der Moderne: die Verunsicherung des Betrachters, die daher kommt, dass die Aussage des Kunstwerks vom Künstler bewusst opak belassen wird, undurchsichtig für den ersten, oberflächlichen Blick und sich nur dem erschließend, der das Wagnis unternimmt, sich eine persönliche Tiefenanalyse zu erlauben.

So fordert uns die Kunst der Moderne wie keine vor ihr zu Reisen ins eigene Ich auf, zu introspektiven Eigenanalysen und zu wagemutigen Selbsterfahrungen. Unser Horizont wird dadurch eindeutig erweitert – in welche Richtungen, das hängt davon ab, wie weit man sich selbst über den Weg traut. Aber das ist nicht alles. Man muss sich nicht nur trauen, sondern auch Wege beschreiten. Das Zusammenspiel beider Arten von Erfahrungen erst macht das Leben lebenswert, weil immer spannend und erwartungsfreudig. Hier sind wir denn endlich beim zentralen Thema der Künstlerin Esther Eugler: Reisen bildet! Erfahrungen, also das Betreten von Neuland, die stetige Verlängerung der sonst nur Kindern schubladenartig zugestandenen „explorativen Phase“, versüßen das Leben, das ja an sich schon eine fortwährende Reise ist, deren Ende kein Sterblicher je wirklich erlebt und daher – dem Prinzip Hoffnung verpflichtet –nur weiterdenkend antizipieren kann als ein ewiges Weitergehen ...

Ja, es geht weiter, immer weiter, und das muss es auch, wenn wir uns nicht als bereits tot aburteilen lassen wollen. Die Kunst ist dafür ein Wegweiser und Spiegel zugleich. Moderne aktuelle Kunst, wie die Kunst von Esther Eugler, versteht dies als spielerische Verpflichtung und ernsthafte Koketterie zugleich, neben vielen anderen Aufgaben, die sie im sozialen und geistigen Kontext ihrer jeweilige Zeit übernimmt. Und das macht die moderne Kunst, bei aller Kritikwürdigkeit im Einzelnen und gerade auch deswegen, so anders als die klassische Kunst.

Lassen Sie sich durch diese Kunst heute und über die kommenden drei Monate beeindrucken und vielleicht überzeugen. Dies wird Ihnen umso leichter fallen, als sie in der Kunst Esther Euglers ein ebenso inhaltsreiches wie breit gefächertes Werk vor sich haben.

Sie erfahren viel über Techniken und Materialien, Sie erfahren in der Auseinandersetzung damit viel über sich selbst, und wenn Sie mit Ihren Deutungen Recht haben, dann haben Sie auch viel darüber erfahren, was Kunst heute ist und sein will und wie es in einer Künstlerin aussieht, was sie antreibt.



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